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Date: Wed, 10 Dec 1997 13:56:37 +0200
Bundeswehr rüstete Neonazis aus
Verteidigungsministerium gibt zu: Bundeswehr überließ Roeders
"Gemeinschaftswerk" Lkw, Kleinwagen und Material.
Auswärtiges Amt hielt den Verein für seriös. Minister Rühe
geht gegen zwei verantwortliche Offiziere vor
Berlin (taz) - Der Rechtsterrorist Manfred Roeder hat nicht nur
einen Vortrag über die "Regermanisierung" Kaliningrads
an der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr gehalten. Das
Verteidigungsministerium beschenkte ihn auch mit ausrangiertem
Material. Ein Lastwagen, zwei Kleinwagen, Dutzende Spaten und
andere Dinge erhielt Roeders "Deutsch-Russisches
Gemeinschaftswerk", mit dem er seit 1993 versucht,
Rußlanddeutsche für seine revisionistische Sache im Gebiet um
Kaliningrad einzuspannen. Zudem war der Inhalt seiner Rede, die
er am 25. Januar 1995 vor Offizieren der Führungsakademie in
Hamburg hielt, zuvor mit dem Stabschef der Akademie, Norbert
Schwarzer, abgesprochen worden.
Verteidigungsminister Rühe zog gestern dennoch keine
Konsequenzen für sich selbst aus den Vorfällen. Folgen hat der
Skandal allerdings für die beteiligten Bundeswehroffiziere:
Rühe kündigte an, gegen Oberst Schwarzer werde disziplinarisch
vorgegangen. Sein damaliger Vorgesetzter in der
Führungsakademie, Hartmut Olboeter, heute Chef der
Personalabteilung im Bundesverteidigungsministerium, wird bis zur
endgültigen Klärung des Skandals von sämtlichen Aufgaben
entbunden. Manfred Roeder kommentierte die Maßnahmen Rühes
gegenüber der taz ungerührt: "Wer dafür den Kopp
hinhalten muß, ist mir völlig gleichgültig."
Roeders enge Kontakte zur Bundeswehr begannen lange vor seinem
Vortrag im Januar 1995. Schon im Sommer 1994 wandte sich sein
"Deutsch-Russisches Gemeinschaftswerk" mit der Bitte um
ausrangierte Autos an die zentrale Materialstelle des Heeres.
Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurde der Antrag an
das Auswärtige Amt geleitet, welches die Seriosität des Vereins
prüfte. Nach dessen positivem Bescheid habe man dem
Gemeinschaftswerk die geforderten Materialien zur Verfügung
gestellt, sagte der Ministeriumssprecher.
Das Auswärtige Amt hätte seinerzeit längst wissen müssen, wer
sich hinter dem "Gemeinschaftswerk" verbirgt. Der Sitz
des "Hilfsvereins", der sich laut Eigendarstellung
"gezielt um die Wiederansiedlung von Rußlanddeutschen in
Nordostpreußen bemüht", befindet sich seit 1993 unter der
Adresse seines zweiten Vorsitzenden: Manfred Roeder. Das
Auswärtige Amt war gestern zunächst nicht in der Lage, eine
Auskunft zu dem Prüfungsverfahren geben.
Roeder sagte gegenüber der taz, die bereitgestellten Autos habe
er Ende 1994 in zwei Bundeswehrdepots in Norddeutschland
abgeholt. Da ihm die notwendigen Ausfuhrpapiere fehlten, sei er
zur Führungsakademie
nach Hamburg gefahren, wo er die Hilfsgüter "einige Wochen
lang" deponierte. Auf Anfrage eines ihm bekannten Offiziers
habe er, Roeder, sich angeboten, einen Vortrag über die
"Situation in Ostpreußen und das Gemeinschaftswerk zu
halten". Einige Zeit später habe ihn der Stabschef der
Akademie eingeladen. Nach Auskunft der Bundeswehr ist Roeders
Vortrag zuvor von Stabschef Schwarzer abgenommen worden. Er habe
sich die Overhead-Folien und das Expose der Rede geben lassen.
Das Seminar habe dann laut Roeder im Januar vor "etwa 30
Offizieren" stattgefunden. Anschließend sei er zu
"einem Essen in einem Restaurant der Akademie"
eingeladen worden. Roeder fühlte sich als Ehrengast. "Ich
bin überall herumgefahren worden." Rechtsradikales will er
an diesem Abend nicht gesagt haben. "Ich habe technische
Informationen über die Neusiedler gegeben", betonte er. Die
Führungsakademie sei ihm nicht unbekannt gewesen. Ein Freund, so
Roeder, habe "gute Kontakte dorthin".
Dieser Kontakt, so wird im Verteidigungsministerium gemutmaßt,
verschaffte dem Neonazi die Einladung. Welcher
Akademiemitarbeiter sich dahinter verbirgt, ist noch unklar.
Roeder wollte sich dazu gestern nicht äußern.
Vor allem erfahrene Offiziere werden an der Führungsakademie
für ihre Verwendung als Stabsoffiziere ausgebildet. Daß Manfred
Roeder ein exponierter Neonazi ist, war der Akademieleitung schon
1995 bekannt. Der heutige Kommandeur Rudolf Lange sagte, wenige
Monate nach Roeders Vortrag habe man gewußt, wer er ist. Man
habe besprochen, daß "so etwas in Zukunft nicht mehr
passieren soll, daß man genauer prüft, wen man sich als
Dozenten holt". Aber dabei habe man es bewenden lassen,
sagte Lange.
Annette Rogalla
TAZ vom 09.12.1997
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