Gedanken beim Suchen von Erde

Ein Montagabend im Oktober. Es wird schon dunkel. Ich suche angestrengt nach brauchbarer Erde für eine Skulptur, die ich morgen in der Schule erstellen möchte. Im Hinterhofgarten einer Altbaugegend Dortmunds, wo meine Heimat ist, finde ich endlich etwas Brauchbares. Spielende Kinder betrachten mich. Ich komme mir vor, als ob ich etwas Verbotenes tue. Hastig schaufele ich etwas Erde zusammen und trage sie in meinem roten Eimer weg. Diese Erde wird nie wieder an den Ort zurückkehren, von dem ich sie entwendet habe. Ich habe sie entwurzelt, sie ihrer Heimat entrissen. Was hat diese Erde schon erlebt? Ich sehe SS-Männer vor meinem geistigen Auge mit schwarzen blankpolierten Stiefeln, höre ihre knallenden Schritte, Autotüren werden zugeschlagen, Menschen werden wortlos fort-ge-bracht - für immer. Es gibt kein Zurück, es gibt keinen, der Widerstand leistet, es ist der Beginn vom Ende... Es herrscht das große Schweigen...
Ich habe Angst. Es ist ein Abend im Oktober 1996.

 

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