| Wie
kommt Gewalt in die Schule?
Ganz einfach: So wie die
SchülerInnen und Lehrerinnen in die Schulen kommen. Aus unseren Familien,
aus den Cliquen, aus den Berufsgruppen; kurz, aus der Mitte unserer Gesellschaft.
Gewohnheitsmäßiges aggressives Verhalten hat immer eine typische
Geschichte, eine Lerngeschichte. Große ursächliche Bedeutung bei
der Entstehung aggressiver Verhaltensbereitschaften von Kindern hat dabei
die Familie. Aggressionsbereitschaft wird vor allem durch eine strenge (dabei
oft willkürliche), bestrafende, auch körperlich züchtigende
Erziehung hervorgerufen, denn:
GEWALT ERZEUGT
GEWALT.
In vielen Familien herrschen
Erziehungsauffassungen von vorgestern, aber noch gibt es in den meisten Schulen
Bayerns kein Fach 'Erziehungslehre'. Dazu kommt: Familien sind oft insgesamt
Opfer von Zwängen, z.B. von Notlagen: 12% aller Kinder im Westen und
22% der Kinder im Osten Deutschlands leben in Armut, bestätigt der
Armutsbericht der Bundesregierung - ein Armutszeugnis für eines der
reichsten Länder der Welt! Hurrelmann nennt Zahlen: Bei 15% aller Kinder
und Jugendlichen kümmern sich die Eltern nicht ausreichend um deren
Entwicklung; in fast 50% aller Familien ist körperliche Züchtigung
an der Tagesordnung (Die Grundschulzeitschrift 67/93).
Wieviel Gewalt gibt es an
den Schulen?
Mit Sicherheit zu viel, denn
jede Gewaltausübung ist eine zuviel. Aber zur Kernfrage: Nimmt Gewalt
an den Schulen zu? Repräsentative Umfragen, exakte, flächendeckende
Untersuchungen dazu gibt es noch nicht lange, so dass ein
Längsschnittvergleich kaum möglich ist. Wissenschaftlich
begründete Schätzungen weisen meist darauf hin, dass die
Intensität jugendlicher Gewalt zuzunehmen scheint (als Vorbild für
diese Brutalisierung wird oft auf 'leuchtende' TV-Beispiele hingewiesen).
Bei 5% aller Schüler (und hier ist tatsächlich bei einem hohen
Prozentsatz ausschließlich die männliche Form angebracht) kommt
es nach Hurrelmann (a.a.O.) zu 'schweren vandalistischen' Störungen.
Häufig wird auch eine Zunahme der Gewalttaten insgesamt vermutet. Hurrelmann
schätzt den Anteil 'gewaltbereiter' Schüler für 1970 auf 10%,
für 1992 auf 15%. Zugleich verweist er auf die Möglichkeit
missbräuchlicher Interpretation dieser Daten. Als 'Law-and-Order-Politiker'
kann man darin eine Zunahme um 50% sehen, als besonnener Zeitgenosse stellt
man eine (bedenkliche) Zunahme um 5% fest. Über eines sind sich die
meisten Fachleute einig: Schule, die prosoziales Verhalten fördern,
die für ein gewaltfreies Leben fit machen will, muss sich
ändern.
Wie muss sich Schule
ändern, wenn sie Wege aus der Gewalt weisen will?
Schule muss menschlicher werden.
Zwei Drittel aller Schüler geben an, unter 'Psychoterror' (Mobbing)
zu leiden (SZ 5./6.4.97); Lehrer werden von der Schulhierarchie "offenbar
gern schikaniert" stellt Richter in einer Untersuchung über Bayerns
Schulen fest (SZ 17.7.97). Eine solche Schule mag geeignet sein, auf eine
autoritäre Ellbogengesellschaft vorzubereiten, aber kaum auf das Leben
in einer demokratischen, solidarischen und vielfältigen Gesellschaft.
Das gleiche gilt für ein Schulsystem, das auf der pädagogisch
widersinnigen Auslese mit 10 Jahren beharrt, den vielfachen Wunsch von Eltern
nach einer ganztägigen Betreuung ignoriert, die sich weigert, Erkenntnisse
der Migrationspädagogik in die Lehrerausbildung aufzunehmen und die
sich die notwendigen Zukunftsinvestitionen in kleinere Klassen und jüngere
Lehrer 'spart'. Gerade die letzten Punkte zeigen, dass es keine
"pädagogisch-halbierte" (O. Radtke) Anti-Gewalt-Erziehung geben kann.
Gefordert ist der politische Wille, den Schulen wieder einen höheren
Stellenwert (und damit einen höheren Anteil am Staatshaushalt)
einzuräumen, damit sie ihrer Verantwortung in einer schwierigen Zeit
gerecht werden können. Übrigens sollten wir nicht vergessen, dass
Schulfrust und ein hohes Aggressionspotential den idealen Nährboden
für rechtsextreme Verführer bereiten. Die Hauptaufgaben der Schulen
lauten deshalb: Öffnung und Sozialerziehung. Sozialerziehung, d.h. Erziehung
zum verantwortlichen Umgang mit der eigenen Person und ihren Bedürfnissen,
ebenso wie zur Anerkennung des gleichen Rechts des anderen und letztlich
zur solidarischen Zusammenarbeit. Öffnung meint die Öffnung zur
Lebenswelt der Jugendlichen, zur Welt der Erwachsenen (z.B. im Stadtteil)
und zum Wandel des 'Ghettos' Schule (H. Kagerer) in eine Begegnungsstätte,
die hilft (soziokulturelle) Grenzen zu überwinden.
Welche Projekte gibt es
dafür an Schulen in München?
Gerade in München wird
in der Fortbildung von Lehrern und Sozialarbeitern, sowie bei den freiwilligen
Leistungen (z.B. Schulsozialarbeit) relativ viel getan, um Gewaltprävention
im weitesten Sinne zu stärken. Leider gibt es daneben in einigen Bereichen
auch schmerzhafte Einschnitte, wie z.B. bei der 'Einsparung' der
'Multikulturellen ErzieherInnen', die dringend rückgängig gemacht
werden muss, wenn München den Weg in eine friedliche Vielfalt gehen
will. Seit einigen Jahren werden in unserer Stadt vielversprechende Projekte
angeboten oder bereits realisiert, die in Bayern eher Ausnahmecharakter haben.
Sie alle haben eines gemeinsam: Der einzelne Jugendliche wird gestärkt
und zugleich seine Fähigkeit, gleichberechtigt mit dem anderen, dem
Fremden umzugehen. Insofern dienen sie der Gewaltprophylaxe ebenso wie der
Demokratieerziehung und einer interkulturellen Verständigung. Als Beispiel
seien genannt: Das Modell K.I.D.S. - München. Drei Hauptschulen und
eine Berufsschule sind derzeit daran beteiligt. Wesentliches Merkmal des
Modells ist es, dass Schule sich öffnet. 'Kreativität in die Schule'
lautet das Motto. Das bedeutet, dass ein Experte (die Künstlerin, der
Handwerker oder die Wissenschafterin etc.) zu den Jugendlichen als
Außenstehender, als Fremder kommt und mit ihnen im Unterricht an Projekten
arbeitet. Dies fördert die Toleranz, wirkt dem Ghettodenken entgegen
und führt gerade bei ausländischen SchülerInnen zu einem Abbau
von Minderwertigkeitsgefühlen. Der Umstand, dass der 'normale Lehrer',
vom Experten in die Arbeit einbezogen, jetzt plötzlich selber Lernender
ist, ist zusätzliche Motivation. Nach Möglichkeit sollen die einzelnen
Projekte (z.B. Graffiti oder Break Dance oder...) später auch für
schulfremde Jugendliche (z.B. die Freunde der Schüler, die auf eine
andere Schule gehen, oder Schüler der Nachbarschule) geöffnet werden,
um eine breitere Verankerung im Stadtteil zu erreichen. Dazu ist auch eine
Verknüpfung mit der außerschulischen Freizeitpädagogik und
Sozialarbeit notwendig. Aber auch eine Verbindung mit anderen, neuen Formen
zur Erziehung gegen Rassismus, für Toleranz und Solidarität, also
die Vermittlung von Fremdheitskompetenz und die Befähigung zur
interkulturellen Verständigung erweist sich in Zusammenhang mit K.I.D.S.
- München als fruchtbar. In A.R.T, dem Antirassismustraining für
Schulen, gehen SchülerInnen höherer Klassen (ab ca. 16 Jahre) nach
einem intensiven Training in Workshops des Pädagogischen Instituts
München in Klassen der Unter- oder Mittelstufe (also z.B. auch zu
Hauptschülern), um dort in einer Doppelstunde mit Hilfe von Karikaturen
z.B. das Thema 'Fremde bei uns' anzusprechen. 'Peer Teaching', die Arbeit
von Jugendlichen mit Jugendlichen, erleichtert den Zugang; statt des
moralisierenden Zeigefingers gibt es den Versuch, "Emotionen zu wecken und
diese in Lerneffekte umzusetzen" (W. Benz). Der jugendlichen Kreativität
sind dabei keine Grenzen gesetzt und im gegenseitigen Lernprozess
überwinden alle Beteiligten die Segmentierung subkultureller Schichtung.
Dabei werden Vorurteile und letztlich Aggressionspotentiale abgebaut. Ein
Team kommt, lautet ein Programm zur kurzfristigen Intervention. Zwei speziell
ausgebildete Sozialpädagogen kommen drei Doppelstunden in die Klasse
oder besser einen Tag in das Schullandheim und bieten altersgerechte Trainings
gegen Gewalt, zu Toleranz und interkultureller Verständigung für
Klassen ab Jahrgang 5. Die Workshops umfassen Aktivitäten (mit
anschließender intensiver Auswertung) aus dem ADAM (= Mensch)-Programm
aus Israel und aus dem A.W.O.D. (a world of difference)-Programm aus den
USA; beide Programme arbeiten seit Jahren erfolgreich mit SchülerInnen
und LehrerInnen. Diese Übungen können mit Plan- und Rollenspielen
zur Stärkung von Zivilcourage, sowie mit Elementen aus der Mediatoren-Arbeit
und dem Antirassismustraining (A.R.T) kombiniert werden. Die Brücke
e.V. bietet seit kurzem an zwei Hauptschulen und einer Realschule für
SchülerInnen die Ausbildung zu Mediatoren, um damit langfristig ein
Klima des gewaltfreien Umgangs mit Konflikten zu fördern.
Gewaltprävention und soziales Lernen nach OLWEUS: Dieses
Gemeinschaftsprojekt der Staatlichen Schulberatung und des Pädagogischen
Instituts, E.G.R. bietet Schulen die Möglichkeit, nach einer Erhebung
zur Gewaltsituation (Täter/Opfer-Erfahrungen) ein langfristiges Programm
mit wissenschaftlicher Unterstützung und Begleitung zu entwickeln. Das
Projekt stützt sich auf die Forschung von OLWEUS, der in den 80er Jahren
sein Modell an zahlreichen norwegischen Schulen erprobte. Er konnte dabei
einen Rückgang der Gewalt um über 50% und einen deutlichen Anstieg
der Schulzufriedenheit nachweisen. 'SCHULE OHNE RASSISMUS' heißt ein
europäisches Projekt, das sich gegen jede Art von Diskriminierung und
Gewalt wendet. Das Besondere dabei: Jede Schule (von der Grundschule bis
zur Kollegschule) entwickelt ihr eigenes Programm. Das Gemeinsame: Ein hoher
Prozentsatz aller am Schulleben Beteiligten verpflichtet sich, aktiv und
dauerhaft am gemeinsamen Ziel mitzuarbeiten. Damit entsteht ein Netzwerk
sehr unterschiedlicher Schulen mit gemeinsamer, positiver Orientierung.
Zahlreiche Schulen in Belgien und Holland haben sich schon angeschlossen;
in Deutschland sind es bisher über 30.
Wann gibt es die erste S.O.R.
- Schule in München?
Übrigens:
Die Max-Born-Realschule arbeitet schon seit Jahren daran
(Ernennung am 29.02.96), eine Schule ohne Rassismus zu sein!
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