[Zurück]    

Achtung: Diese Seite ist ein Zitat, wir haben sie daher nicht verändert! www.jugendarbeit.ch

 

Jugendgewalt: Medienwirklichkeit und Realität:

zu einem Artikel von Allan Guggenbühl (NZZ 18.6.1998)

  Die Mediennews-Seite von jugendarbeit.ch zeigt es seit mehreren Monaten deutlich: Jugendgewalt und Jugendkriminalität sind zu einem Dauerbrenner in hiesigen Presseerzeugnissen geworden. Aktionsprogramme in Schulen und in der offenen Jugendarbeit sollen diese sogenannte "Gewaltwelle" eindämmen, das Thema "Gewalt" wird im Unterricht behandelt, politische Parteien im rechten Spektrum orten das Problem vor allem bei den ausländischen Schülerinnen und Schülern, Eltern sind verunsichert, Boulevardmedien suchen nach besonders krassen Auswüchsen von Gewalt, um sie medienwirksam ins Bild zu setzen und ein ganzes Heer von selbsternannten Fachpersonen bietet der verunsicherten Gesellschaft Beistand in dieser Sache an.
   

Wer in dieser Debatte wenig zu Wort kommt, sind die Jugendlichen selber, die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter, sowie die Lehrerinnen und Lehrer, die täglich mit den potentiellen Gewalttätern arbeiten und sich mit der realexistierenden Gewalt unter Jugendlichen auseinandersetzen müssen.

Ob Gewalt unter Jugendlichen wirklich epidemische Ausmaße angenommen hat, ist aus praktischer Sicht zu bezweifeln. Mit dieser Aussage sollen existierende Probleme keineswegs verharmlost werden. In der täglichen Arbeit mit Jugendlichen zeigt sich jedoch, dass körperliche Gewalt in zeitlich und regional unterschiedlichen Wellen auftritt und sich die Verursacherinnen und Verursacher meist relativ einfach eruieren (und aus dem Verkehr ziehen) lassen.

Der grösste Teil der sogenannten "Jugendgewalt" gehört hingegen zur Klasse der "alltäglichen Grausamkeiten unter Kindern und Jugendlichen". Dieses Verhalten gibt es schon lange und es ist mit dem Begriff "Mobbing" wohl am besten umschrieben. Dieses "Mobbing" (wie nannte man das wohl früher?) ist auch der Bereich, welcher die Jugendlichen selber am meisten beschäftigt. Auslachen, Ausschluss aus einer Gruppe, Blossstellung, negative Gerüchte und verbale Drohungen sind jene Dinge, welche Jugendliche fürchten und welche es nötig machen, das Phänomen "Gewalt" aufzugreifen und mit den Beteiligten zu diskutieren. Diese altersgruppenspezifischen alltäglichen Streitereien sind jedoch nicht identisch mit dem "Gewaltphänomen", wie es in den Medien erscheint und in unserer Gesellschaft angeblich grassiert.

Der Gewaltfachmann und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl plädiert aus diesem Grund in einem Zeitungsartikel für eine klare Trennung von "öffentlichem Diskurs" und "realem Erscheinungsbild von Gewalt und Aggression". Guggenbühl sieht im Medienthema "Jugendgewalt" ein bekanntes psychologisches Phänomen bestätigt, nämlich die Projektion eigener negativer Eigenschaften auf ein Gegenüber, eine Institution, eine Ideologie oder eine Menschengruppe - diesmal die Jugendlichen. Unser Kulturkontext verbiete Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eines Zieles oder Projektes und doch gehöre Aggression und Gewalt zu jedem Menschen, denn ohne Gewalt könne niemand überleben. Diese Ambivalenz der Gewalt müssten wir im Auge behalten, wenn wir uns mit dem öffentlichen Diskurs über Gewalt unter Kindern und Jugendlichen befassen.

"Wenn in Zeitungen, im Fernsehen oder in Büchern über Gewalt ... berichtet wird, dann geht es nicht nur um das Aufdecken skandalöser Zustände, sondern es wird auch an eine Seinsdimension erinnert. Gewalt ist nicht nur eine Realität des Alltags, sondern auch ein Bedürfnis der Seele." (Guggenbühl)

Laut Guggenbühl eignen sich Kinder und Jugendliche besonders für die Projektion eigener düsterer Seinsdimensionen. Die Jugend ist unsere Zukunft und deshalb projizieren wir eigene Hoffnungen und Eigenschaften auf sie. "Kinder dienen uns als Metapher, durch die wir versuchen, uns selber zu ergründen". Wenn wir über Kinder sprechen, schwingt immer auch die Vorstellung des unschuldigen Kindes mit und so nehmen wir Gewaltphänomene unter Kindern genauer wahr.

Kinder sind weder Unschuldslämmer, noch Opfer oder Monster, sondern Gewalt und Aggressionen sind Verhaltensweisen, die schon früh als Durchsetzungsmittel entdeckt werden und auch zum Einsatz kommen. Gelernt werden diese Verhaltensweise von den heutigen Erwachsenen, die den Heranwachsenden als Vorbild und Identifikationsfiguren dienen. Diese Erkenntnis sollte für unseren Umgang mit Gewaltphänomenen in Schule und Jugendarbeit leitend sein. Vor allem der eigene Umgang mit Gewalt sollte von Jugendleiterinnen und -leitern, Lehrerinnen und Lehrern mitbedacht werden. Wer im Umgang mit Jugendlichen Konsequenz nicht mit Sturheit und Macht verwechselt, wer das Gespräch sucht und nicht verhindert, wer auf Gewalt nicht immer mit Gegengewalt antworten muss und wer auch den "kleinen Grausamkeiten des Alltags" genügend Aufmerksamkeit schenkt, dem wird es in der täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einfacher fallen, eine weitgehend gewaltfreie Atmosphäre zu schaffen.

Peter Marti, Jugendarbeiter

 [Zurück] Meinungen, Anregungen, eigene Erfahrungen? Mail an: mail-Adresse wurde gelöscht!
© 1998
SPECIALS   Erstellt: 21.06.1998.
Geändert: 14.07.2000.