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"Wallfahrtsort
für Kriegshetzer"
Seite 249
ISBN 3-7466-5051-8 |
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Liza, ich habe dir ein Buch
ausgesucht zu eurem Projekt "Die Bücherverbrennung" von Egon Erwin Kisch
und hab' dir eine Geschichte rausgesucht, die vielleicht für dich auch
interessant sein könnte. Wir lesen sie erst mal und dann können
wir drüber sprechen!
Sie heißt "Wallfahrtsort für Kriegshetzer"!
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Im Hause Bourgerie, dem ersten
von Bazeille, haben sich am 1. September des Jahres 70 hundertzwanzig
französische Marineinfanteristen so lange gegen einen bayrischen Ansturm
verteidigt, bis sie achtzig Tote hatten und keine einzige Patrone mehr. Wie
das Gesetz es befahl. (Die Gesetze befehlen solche Sachen.) Das war
folgsam.
Als die Munition aufgebraucht und das Haus durchlöchert war, soll einer
vorgeschlagen haben, man möge Selbstmord begehen, indem man sich in
den Geschoßregen stürze. Ein anderer, behauptet eine wohlkonservierte
Fama, habe beantragt, das Haus anzuzünden und in den Flammen unterzugehen.
Das war blöd.
Aber der Major Lambert von der Division Vassoigne, der die Verteidigung des
Häuschens geleitet hatte, entschloß sich zur Übergabe und
steckte ein Taschentuch aus dem Fenster. Das war gescheit.
Die bayrische Abteilung, befehligt von Hauptmann Lissignolo, stellte das
Feuer ein, und als die Verteidiger, schmierig, blutig und verwundet, aus
dem Haustor wankten, standen die deutschen Soldaten stramm und salutierten.
Das war ganz nett. Eine Aufschrift, auf die Wand gemalt, besagt, daß
das Haus "Maison de la dernière cartouche"
"Haus der letzten
Patrone"
heißt. Die Farbe der Buchstaben ist sehr verblaßt. Das ist
belanglos.
Eine schöne Marmortafel mit goldenen Lettern verkündet, daß
1909 Herr Arthur Meyer, directeur du "Gaulois", eine Sammlung zum Ankauf
des Häuschens ... Das ist niederträchtig.
Was hat der Name des Herrn Meyer, in Marmor gemeißelt, hier zu suchen,
wo achtzig Menschen auf der Schlachtbank verblutet sind!
Was macht der Herr Meyer da, neununddreißig Jahre nachdem das Taschentuch
gehißt worden ist? Weshalb feuert er an, wenn der letzte Schuß
verfeuert worden ist? Was für ein nobler Charakter war doch der Esel
von Soldat, der das Haus anzünden wollte, gegen diesen Chefredakteur,
der es erhalten will! Damit sein Name in Marmor darauf steht und neue
Geschlechter veranlaßt werden, ihre Häuser in Festungen zu
verwandeln!
"Monsieur Meyer, je vous demande, avez-vous bat tu dans cette maison?"
Herr Meyer,
ich frage sie, haben sie in diesem Haus gekämpft?
"Non, monsieur, parceque j'avais dix ans en 1870."
Nein mein Herr,
weil ich 1870 erst zehn Jahre alt war!
Na also, dann hetzen Sie nicht!
Wenn Sie dabeigewesen wären, würden Sie wahrscheinlich kuschen.
Natürlich gibt es auch Leute, die dabei waren und doch Heldentaten
zur gefälligen Nachahmung erzählen. Aber die tun das, von den Herren
Meyer und anderen solchen Direktoren des "Gaulois" aufgereizt und ihnen
zu Gefallen. Und diese Aufhusser und Zuhörer und Weiterverbreiter und
Ausschmücker sind schuld an den folgenden Kriegen.
Jawohl, Monsieur Meyer vom "Gaulois" und Herr Gaulois vom "Meyer". Aber auch
Sie, Monsieur Gaulois vom "Gaulois" und so weiter.
Übrigens hat die Gedenktafel jetzt einen tüchtigen Sprung. Ich
habe einen braven Stein gegen sie geschleudert. Gehet hin und tuet
desgleichen!
Das Innere
des Hauses ist natürlich ein Museum. Zerfetzte Uniformstücke,
zerbrochene Gewehre, Patronen - alles längst veraltetes System.
Verblaßte Daguerreotypien von Mac-Mahon, der ein paar Schritte von
hier seinen Tausendfrancsschuß bekam, von Napoleon III., der ein
Defätist war, von Wimpffen, Moltke, Bismarck, Anton von Werner und anderen
Sedaner Größen. Durchlöcherte Schränke, blutiges Bett,
zersplitterte Fensterladen.
Mitleidig lächelnd gehen Soldaten durch dieses Schnakkerlmuseum. Wenn
die Museen des jetzigen Krieges installiert sein werden, die
Zweiundvierzigzentimetermörser, die Gelbkreuzgasbomben, die Flammenwerfer!
Und statt der Glasphotographien herrliche Ölgemälde von allen unseren
Heerführern! Zerschossene Türen gibt es nicht mehr: Schaue aus
dem Fenster, ganze Ortschaften sind zu Müll geworden. Man kann nur
nachsichtig lächeln über die Sehenswürdigkeiten.
Wenn nur nicht die Jahrgangsklasse 1956 über unser Kriegsgerät
geringschätzig lächeln wird!
Dreißig Schritte vom "Haus zur letzten Patrone" entfernt ist der Friedhof.
Einige tausend französische und bayrische Soldaten, die bei den
Kämpfen um Bazeille gefallen sind, sind hier - nicht bestattet. Im
Gegenteil: Die Gesinnungsgenossen des Herrn Meyer vom "Gaulois" haben die
Toten aus ihren Einzelgräbern und Massengräbern exhumiert und in
Gewölbe einer Krypta gelegt. Längs der Toten ist ein Korridor für
den Fremdenverkehr frei gelassen. Die Touristen führt mit Erklärungen
von epischer Breite Herr Jean Claude Rocher, der vorher jedem Besucher seinen
Militärpaß zeigt, dem zufolge er 1870 dem 3. Regiment der
Marineinfanterie angehörte und als einer der überlebenden Verteidiger
der Maison Bourgerie ins Kriegsgefangenenlager von IngoIstadt abgeführt
worden ist.
Auch ein Gedenkbuch hat er, in das sich Prinz Rupprecht, Haeseler, Hindenburg
(die Stammgäste von Sedan), aber auch Gallwitz, Eichhorn, Exzellenz
Prdelka von Drahtverhau und andere feuchtfröhliche Erhalter des
Siegfriedensgedankens eingeschrieben haben.
Monsieur Rocher ist mit den Gewölben auf der linken Seite bös.
Nicht etwa, weil hier Bayern liegen, sondern weil das deutsche Kommando diese
schönen Ausstellungsobjekte mit Steinplatten zudecken ließ. Es
hat dies nach seiner Auffassung deshalb getan, weil sich die noch lebenden
deutschen Soldaten angesichts der Kopfschüsse ihrer bereits toten
Vorgänger zu sehr aufregten. Schade, jetzt sieht man die schönen
Kopfschüsse nicht mehr!
Zum Glück gibt es rechts sehr sehenswerte Schauobjekte. Zwar nicht so
viele, wie links verborgen sein mögen, aber immerhin doch noch ein paar
hundert fünfzigjährige Leichen. Eine Krankenschwester, der der
Arm abgerissen worden ist, ein Zuave mit zerpulvertern Kopf, ein Kapitän
mit acht Kopfsch\issen und was dergleichen reizende Kleinigkeiten mehr sind.
Die Uniformen - Friedensstoff 1869 - sehen oft noch besser aus, als die heutigen.
Ist das alles zur Abschreckung da? Nein, an den Wänden des Korridors
hängen Glasperlenkränze mit Trikoloren, und auf den Trikoloren
stehen Schwüre von Blutrache und Sieg und Revanche. Und jeder dieser
Kränze wurde namens eines patriotischen Vereines niedergelegt, am 1.
September, und der Redner, je blutiger er sprach, desto besser war's wohl.
Drüben, die Grenze ist nicht weit, feierte man den 1. September mit
Hurra und Truppenparaden.
Vierundvierzig Jahre lang klangen Wehklagen und Rachegeschrei hinüber,
Jubelrufe und Festesfreude herüber. Bis sich die Musikanten in die Haare
gerieten.
Wenn du diese Geschichte
gelesen hast ....
Zum
Dialog
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27.09.2001 |
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